Stärken und Schwächen - nicht mehr als ein Mythos
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Stärken und Schwächen

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Was genau sind Ihre Stärken? Und welche Schwächen haben Sie?

Diese Fragen begegnen uns immer wieder. Egal ob im Vorstellungsgespräch für den neuen Job, oder wenn wir unsere Marketingstrategie planen. Welche Stärken habe ich oder mein Angebot? Und welche Schwachstellen kann ich finden oder welche könnten auftreten.

Ich persönlich denke nicht, dass man eine solche Frage beantworten kann, bevor man eine dritte Komponente geprüft hat – nämlich die Situation in der ich mich gerade befinde. Ich glaube nämlich nicht, dass wir pauschal beurteilen können, ob eine bestimmte Eigenschaft die wir haben, eine Stärke oder eine Schwäche ist. Ich gehe einen Schritt weiter – wenn wir zu lange an einer scheinbaren Stärke festhalten, wird sie uns nicht selten vernichten.

Aber der Reihe nach:

Wie entscheiden wir eigentlich was eine Stärke und was eine Schwäche von uns ist? Wie genau legen wir fest, wie unsere Eigenschaften eingeteilt werden? In den meisten Fällen, wird ein großer Teil unserer Einschätzung von außen bestimmt. Unser Umfeld, unsere Erziehung und unser kultureller Hintergrund bestimmen ob eine bestimmte Eigenschaft von uns eine Stärke oder eine Schwäche ist.

Was glauben Sie? Welche Eigenschaft wird bei folgenden Kindern später als Stärke bzw. als Schwäche interpretiert werden? Drei Kinder spielen im Kindergarten und geraten in Streit, weil jedes Kind mit dem gleichen Spielgerät spielen will. Dieser Streit eskaliert nun soweit, dass die Kiddies aufeinander losgehen bis die Kindergärtnerin sie trennt. Abends erzählt sie den Eltern aller drei Kinder von dem Vorfall. Diese sprechen daraufhin mit ihren Sprösslingen:

  • Die Eltern von Kind 1 sagen ihm: „Du musst lernen Dich durchzusetzen. Wenn Du etwas haben willst, dann darfst Du nicht aufgeben, bis Du es hast. Ohne Durchsetzungskraft kommst Du im Leben nicht weiter.“
  • Die Eltern von Kind 2 sagen: „Du darfst Dich im Kindergarten nicht streiten. Das macht man nicht. Du musst mit den anderen Kindern auskommen und lieb sein, damit wir stolz auf Dich sein können.“
  • Die Eltern von Kind 3 sagen: „Man schlägt sich nicht. Du musst lernen zu teilen. Wenn jeder nur nach sich schaut, funktioniert das nicht. Man darf nicht nur an sich denken, man muss auch für andere da sein.“

Was wird bei den Kindern hängen bleiben? Was wird das Ergebnis sein, wenn sich solche Vorfälle häufen? Was wird welches Kind später mal als Stärke ansehen und was als Schwäche? Was uns anerzogen wird, und in unserem Umfeld vorgelebt wird, entscheidet darüber was wir als Stärke und Schwäche betrachten. Und das hat große Auswirkungen auf unser künftiges Leben.

Aber was sind nun die tatsächlichen Stärken und Schwächen eines Menschen? Die Antwort ist einfach: … Es kommt darauf an. Nämlich auf die Situation in der Sie sich gerade befinden. Schauen Sie sich die folgenden Aussagen an:

  • Ich bin ungeduldig – das ist eine Schwäche
  • Ich bin ehrgeizig und will alles am liebsten sofort erledigen – das ist eine Stärke
  • Ich bin sehr entschlussfreudig und treffe die nötigen Entscheidungen sofort und sehr schnell – das ist eine Stärke von mir
  • Ich bin zögerlich und prüfe alles lieber einmal zu oft, als in mein Verderben zu rennen – das ist eine Schwäche von mir

Aussage eins und zwei betrifft die gleiche Eigenschaft. Als Ungeduld ist es eine Schwäche, als Ehrgeiz wird sie allgemein als Stärke wahrgenommen. Aber wovon hängt es ab, ob diese Eigenschaft als Ungeduld oder als Ehrgeiz bezeichnet wird? Im Normalfall von der Situation in der ich mich gerade befinde. Wenn ich durch übertriebenen Ehrgeiz ein Projekt zu schnell vorantreibe und es daran scheitert, hat mir meine Ungeduld geschadet. Wenn es dagegen schneller erfolgreich läuft, als das der Konkurrenz, hat mich mein Ehrgeiz zum Ziel geführt.

Bei Aussage drei und vier sind es gegensätzliche Eigenschaften, die als Stärke oder Schwäche ausgelegt werden. Aber stimmt das denn immer? Wenn ich durch eine vorschnell getroffene Entscheidung ins Verderben renne – war das dann wirklich eine Stärke? Wäre in dem Fall nicht ein wenig mehr Zögerlichkeit und Vorsicht besser gewesen?

Ein weiteres Beispiel dafür, dass man Stärken und Schwächen nicht pauschal zuordnen kann, ist der kürzlich verstorbene, ehemalige Medienmogul Leo Kirch. Wer nach seinem Erfolgsgeheimnis fragt, das es ihm ermöglichte ein solches Imperium aus Fernsehsendern, Zeitungen und Zeitschriften aufzubauen, hört gewöhnlich, dass er sich ein Ziel gesetzt hat und dann unnachgiebig daran arbeitete, bis er es erreicht hat. Niemals aufgeben, immer weiter kämpfen – das war seine große Stärke. Und auch allgemein gilt Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen als Stärke.

Allerdings haben ihn genau die gleichen Eigenschaften in den Ruin getrieben, weil er trotz zahlreicher Fehlschläge nicht aufgeben wollte, als es darum ging den Bezahlsender Premiere durchzusetzen. Er hat alles so gemacht, wie immer – sich ein Ziel gesetzt und so lange nicht aufgegeben, bis es erreicht wird … oder wie in diesem Fall … bis es zu spät war.

Egal welche Eigenschaften Sie haben – ob es sich dabei um Stärken oder Schwächen handelt, entscheidet die Situation in der Sie sich gerade befinden. Im Idealfall setzen Sie Ihre Eigenschaften so ein, wie Sie sie brauchen – situationsabhängig. Entwickeln Sie den nötigen Ehrgeiz, wo er benötigt wird. Treffen Sie schnell und konsequent Entscheidungen, wo es wichtig ist. Aber machen Sie das alles nicht zum Prinzip, das Sie immer anwenden, sonst werden Sie zwangsläufig in einer Situation scheitern, in der diese Eigenschaft nicht passend ist.

Das bedeutet nicht, dass Sie ohne jedes Profil durchs Leben laufen müssen, immer bereit sich anzupassen, wie ein Chamäleon. Es heißt lediglich, dass Sie:

  • ... sich so annehmen sollten wie Sie sind. Mit allen Eigenschaften, die Sie haben, egal ob Ihnen das im Moment als Stärke oder als Schwäche ausgelegt wird – das sind sowieso temporäre Betrachtungen – keine Fakten und …
  • … bei allem Prinzipienwahn flexibel bleiben sollen. Sie müssen zwar in bestimmten Bereichen auch mal durchsetzungsfähig sein, aber doch nicht immer und überall. Man muss auch mal nachgeben und sich selbst zurücknehmen können, aber doch nicht immer und überall. Man kann durchaus vieles von dem was man hat teilen und sich für Andere aufopferungsvoll einsetzen – wenn es zur Selbstaufgabe führt ist das zu viel des Guten – usw.

Stärken und Schwächen gibt es nicht wirklich. Sie sind an zeitliche und kulturelle Zusammenhänge geknüpft – Was heute allgemein als Stärke gilt, kann einem morgen als Schwäche ausgelegt werden. Wenn es heute als stark gilt, als Mann Gefühle zu zeigen, machte man sich vor einigen Jahren damit noch zum Gespött. Und Stärken und Schwächen sind an die Situation gebunden, in der sie auftreten. Wer als Verkäufer im knallharten Wettbewerb mit anderen steht, braucht Durchsetzungsvermögen und Durchhaltewillen. Wenn der gleiche Verkäufer nach Hause kommt und in der Familie genauso konsequent auftritt, wird er zum Horror seiner Frau und seiner Kinder.

Der langen Rede kurzer Sinn – wenn Sie Ihr Traumleben realisieren wollen, finden Sie heraus wie es aussieht, und was Sie dafür benötigen um es zu erreichen. Legen Sie sich die nötigen Eigenschaften zu, die Sie brauchen und setzen Sie sie so ein, dass diese Eigenschaften Sie zum Ziel führen. Das klingt leichter, als es ist. Man kann ja seine charakterlichen Ausrichtungen nicht einfach wechseln wie ein Hemd oder eine Hose. Das müssen Sie aber auch nicht. Sie müssen nur erkennen, dass diese Eigenschaften nicht komplett für Sie in Stein gemeißelt sind. Im Normalfall sind alle Eigenschaften in Ihnen angelegt – nur unterschiedlich ausgeprägt. Sie lassen sich also auch aktivieren, steigern oder dämpfen und müssen nicht als Gott gegeben für alle Zeiten hingenommen werden.

Lassen Sie sich nicht entmutigen von dem allgemeinen Gerede über Stärken und Schwächen. Bleiben Sie flexibel und machen Sie Ihre Eigenschaften dort zu einer Stärke, wo sie gebraucht wird. Alles ist relativ – also keine Panik, wenn nicht gleich alles zu passen scheint. Wer weiß wofür es gut sein kann?

Viel Erfolg bis zum nächsten Mal

Ihr

Gerd Ziegler

Comments

  • V. Colombek
    September 15, 2011

    Das ist ein äußerst interessanter und komplexer Denkansatz. Respekt dafür. Ich denke schon dass manche meiner Eigenschaften eher Schwächen oder Stärken sind, weil sie sich positiv oder negativ auf meinen Erfolg auswirken – aber im Grunde haben Sie Recht – ändern sich die Bedingungen, ändert sich wahrscheinlich auch die Betrachtung. Vielen Dank noch mal für den Beitrag.

    • September 16, 2011

      Es freut uns, wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat! Möglicherweise kennen Sie jemand den sie ihn weiterempfehlen können. Danke, Ihr WIM.tv-Team;-)

  • Gisela
    September 15, 2011

    Geht mir auch immer auf die Nerven, aber diese Frage nach den Stärken und Schwächen wird heutzutage ja inflationär verwendet, und wehe die Antwort passt nicht ins Bild. Vor allem bei der Bewerberauswahl kommt es nur noch darauf an, vorher antrainierte Antworten zu geben. Man lügt sich fröhlich in die Tasche, hauptsache die Vorgaben wurden erfüllt.

  • Martin Hellermann
    September 16, 2011

    Endlich mal ein Beitrag abseits des allgemeinen Hypes um Stärken und Schwächen – mir hat das mehr die Augen geöffnet als die Seminare, die ich bisher besucht habe – Danke.

  • Jeremias K.
    September 22, 2011

    Ich finde schon, dass ich Eigenschaften habe, die mir eher nützen, und welche die mir eher schaden. Aber je länger ich darüber nachdenke, ist der Gedanke gar nicht so abwegig. Ich bin wie ich bin und meine vermeintlich größte Schwäche kann meine größte Stärke werden, wenn ich sie in einen anderen Zusammenhang setze. Hab mal irgendwo die Geschichte eines Mannes gelesen, der sein Gehör verlor und dadurch die Bedürfnisse seiner Leidensgenossen besser einschätzen konnte und mit diesem Wissen helfen konnte, was ihn zu einem reichen Mann machte.

    • Oktober 12, 2011

      Danke für Deine ausführlichen Gedanken, Jeremias! Baue Deine Stärken aus, Schwächen wollen eher die Personalchefs in Vorstellungsgesprächen hören;-)

  • Oktober 14, 2011

    Vielen Dank für diese sehr interessanten Worte und Gedanken.
    Nun, jede Medaille hat 2 Seiten (mind.) die zusammen gehören.
    Von daher darf ich auch scheinbar negative Eigenschaften anerkenne, sie zulassen und als Teil von mir nutzen.
    Ich denke, jede Eigenschaft kann positiv oder negativ beschrieben werden (was z.B. bei Vorstellungen genutzt wird).

    “Stärken und Schwächen gibt es eigentlich nicht”
    Das heißt für mich: alles sind Eigenschaften, bei denenich in der Verantwortung stehe, sie für mich und andere (zum Guten) zu nutzen.

    Zum Beispiel mit Hernn K. und sein Imperium gebe ich mit zu bedenken, dass Hartnäckigkeit gut ist. Wo ich aber einflussreiche Menschen mit Geld ködere, damit sie weitreichende Veränderungen (die uns alle betreffen) in die Wege leiten, kann ich das nicht mehr gut heissen.

  • November 21, 2012

    Lieber Gerd,

    in diesem Beitrag kann ich ausnahmsweise deine Überzeugung nicht zu 100 % teilen.

    Sicherlich sind Stärken und Schwächen in unterschiedlichen Situationen anders zu bewerten. Dennoch bin ich der festen Überzeugung das der größte Teil der Menschen die sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst sind, auch gelernt haben diese gezielt einzusetzen.

    Leider setzen sich nur wenige Menschen bewusst mit ihren Stärken und Schwächen auseinander und verstossen dabei in ihrem Handeln nicht selten auch noch gegen ihre eigenen Werte.

    Somit wird nach meiner Überzeugung die Stärke in einer bestimmten Situation nicht automatisch zur Schwäche, sondern das große Defizit an Selbstreflexion führt hier zum großen Scheitern.

    Dauerhafter Erfolg setzt Selbstreflexion und kontinuierliche Arbeit an sich selbst voraus.

  • November 21, 2012

    Hallo Michael,
    wenn zwei immer zu 100 % übereinstimmen ist einer überflüssig – von dem her gesehen ist das absolut in Ordnung 😉
    Aber so weit liegen wir da nicht auseinander. Natürlich ist es wichtig sich der Eigenschaften bewusst zu werden, die einem zur Verfügung stehen und ebenfalls der Eigenschaften, die uns bei der Erreichung eines bestimmten Ziels im Wege stehen.
    Ich wehre mich nur dagegen, das zu generalisieren. Denn in einem anderen Zusammenhang kann das genau andersrum sein. Und genau dieses Bewusstsein für die Flexibilität im Umgang mit den eigenen Eigenschaften – wie der Zugriff auf einen Werkzeugkasten – schafft und sichert den Erfolg.
    Viele Grüße
    Gerd

  • Oktober 27, 2013

    Eine interessante Sicht auf Stärken und Schwächen.

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