Dem Drama verfallen
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Dem Drama verfallen

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Kennen Sie das? Sie begegnen Menschen, die Ihnen ihr Leid klagen. Ihnen fallen spontan mindestens fünf Lösungsvorschläge für solche Probleme ein und diese Menschen finden in jeder Lösung wieder zwei neue Probleme. Wahrscheinlich ist Ihnen das schon genauso oft begegnet wie mir.

Wenn andere Menschen uns von ihren Problemen und Sorgen berichten fällt es uns oft relativ leicht Lösungsansätze zu erkennen. Und oft fällt uns auch schnell auf, wo der wirkliche Grund der Probleme liegt. Nämlich bei unserem gebeutelten Mitmenschen selbst.

Als ich noch als Angestellter tätig war hatte ich einen Kollegen der ständig über die unannehmbaren Zustände in dieser Firma jammerte. Der Chef war ein arroganter Despot, das Gehalt am untersten Level und viele der Kollegen arbeiteten gegen ihn. Insgesamt eine unerträgliche Situation für ihn und er lechzte förmlich nach Erlösung.

gebeutelte-mitmenschen“Ich weiß nicht was ich noch tun soll”, sagte er eines Tages zu mir. “Wenn das so weitergeht …”, bedeutungsvoll ließ er das Ende des Satzes offen. “Nun, wenn es so schlimm ist, such Dir halt was anderes”, war meine pragmatische Antwort. “So einfach geht das nicht”, antwortete er. “Der Arbeitsmarkt ist schwierig geworden, die Angebote spärlich und überhaupt.”

“Woher weißt Du das?”, fragte ich und erntete einen bösen Blick. “Das weiß man doch. Jeder weiß das. Man kann es überall nachlesen.” Ich kürze das Gespräch an dieser Stelle ab, denn es ging noch eine Weile so hin und her und ich konnte ihn schließlich überzeugen, dass ein paar Bewerbungen ja nicht schaden konnten um die Informationen, die jeder kannte einfach mal zu überprüfen. Möglicherweise waren sie ja gar nicht so aktuell.

Und siehe da – auf zehn Bewerbungen erhielt er vier Einladungen zum Vorstellungsgespräch und daraus resultierend zwei Jobangebote. Ein fantastisches Ergebnis, wie ich fand. Nicht so mein Kollege. “Das eine Angebot ist nicht schlecht”, sagte er, “aber es gibt kein Weihnachtsgeld.” “Aha”, sagte ich. “Und das andere passt auch”, führ er fort, “aber immerhin gebe ich hier einen festen Vertrag auf und muss dort wieder als Neuer anfangen.” “Aha”, sagte ich. “Und jetzt?”

“Ich muss noch mal alles prüfen – recherchieren – mal ein paar Leute fragen, die da schon gearbeitet haben. Ein Kollege meines Bekannten hat da schon mal gearbeitet und der sagt, das sei ein ganz schlimmer Laden …”

Was soll ich sagen – er hat beide Angebote ausgeschlagen und er arbeitet, soviel ich weiß, heute (fast 15 Jahre später) immer noch bei derselben Firma, die er tagtäglich so unerträglich fand und wahrscheinlich immer noch findet.

Angst vor Veränderung

Ein Einzelfall? Nicht wirklich. Eine Bekannte, verheiratet, ein scheinbar glückliches, normales Paar – er trinkt öfter mal einen über den Durst, aber nichts was wirklich außergewöhnlich wäre. Dass er mittlerweile im Suff weiße Mäuse sieht, imaginäre Liebhaber im Schrank sucht und sie verprügelt vor lauter Frust über sich selbst, dringt erst nach außen, als es nicht mehr anders geht. Sie vertraut sich ihren Freunden an. Welcher Rat ist wohl der naheliegendste? Wenn überhaupt, dann noch eine letzte Verwarnung, im Wiederholungsfall sofortige Trennung.

dem-drama-verfallenTatsächlich ist sie heute noch bei ihm und er geht kontinuierlich dem endgültigen Abgrund entgegen. Weiß Sie, dass er sie mitreißen wird? Klar. Weiß Sie, dass sie gehen sollte um sich zu retten? Klar. Tut sie es? Nein. Aus Verpflichtungsgefühl, aus dem Glauben alles würde sich zum Guten wenden, aus Angst es könnte alleine noch schlimmer für sie kommen – warum auch immer. Sie macht genauso weiter.

Natürlich fällt uns das bei anderen leicht das Offensichtliche zu erkennen, nur bei uns selbst funktioniert das überhaupt nicht. Genau wie bei unseren beiden Beispielen. Ich bin mir sicher, wenn wir ihnen den jeweils anderen Fall geschildert hätten, wäre ihnen sofort aufgefallen, was da schief läuft. Nur eben bei sich selbst ist der Mensch taub und blind.

Wir alle sind dem Drama mal mehr mal weniger verfallen und führen erbitterte Kämpfe wenn es uns jemand wegnehmen will. Irgendwie scheinen wir gern zu leiden, im Leid scheinen wir mit anderen verbunden, haben das Mitleid anderer sicher. Im Jammertal finden wir unzählige Leidgenossen mit denen wir uns austauschen können. Mit zunehmendem Alter scheint sich das zu steigern.

Wer schon mal im Wartezimmer eines Arztes den Wettbewerb der Krankheiten miterlebt hat, den die wartenden Patienten unter sich austragen, weiß wovon ich spreche. “Mein offenes Bein geht jetzt schon 3 Monate nicht mehr zu.” “Nein, Du Arme – mein Rücken macht mir auch immer mehr zu schaffen und das Magenleiden erst.” “Und bei mir steht jetzt die dritte OP in Folge an …” “Das geht ja noch – bei mir sind es jetzt 15!!!”
Wenn Sie da einigermaßen gesund reingehen, kommen Sie mit Krankheiten wieder raus, von denen Sie bisher noch gar nichts wussten. ;-)

Aber im Ernst – was wir da bei anderen beobachten, davon sind wir selbst keineswegs frei. Wir alle haben mehr oder weniger solcher Momente, in denen wir an unserem Leid festhalten, wie ein Verhungernder an seinem Stück Brot. Und oft, wenn wir an einer bestimmten Stelle einfach nicht weiter kommen, immer weitere Schläge abbekommen, könnte das möglicherweise ein Anlass sein, ein bisschen genauer hinzuschauen. Vielleicht haben wir da ein Stück weit Angst unser persönliches Drama zu verlieren.

Treten Sie dann geistig einen Schritt zurück und beobachten Sie sich selbst, so als würden Sie einen anderen beobachten und müssten ihm oder ihr einen Rat geben. Denn möglicherweise verhalten Sie und ich uns in manchen Fällen genauso wie unsere oben genannten Beispiele. Und gerade wenn diese Worte jetzt Widerstand in Ihnen auslösen, so wie es der Gedanke bei mir zunächst ausgelöst hat – gerade dann wäre ein zweiter Blick möglicherweise nicht die schlechteste Wahl ;-)

Bis bald
Ihr
Gerd Ziegler

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